Kommentar Hilde Freund

Zurzeit höre ich von vielen meiner Mandanten – mittelständische Unternehmen ebenso wie Konzerne – dass wesentlich weniger Bewerbungen eingehen als noch vor einigen Monaten. Da ich mich hauptsächlich im technischen Umfeld bewege, könnte man diese Tatsache vielleicht auf den häufig zitierten Ingenieursmangel zurückführen. Meiner Meinung nach ist das aber nur die halbe Wahrheit: Ich denke momentan ist nicht mehr die Zeit, in der Firmen mit mehr oder weniger regelmäßigem Eingang guter Bewerbungen rechnen können.

Vielmehr gilt mittlerweile:  Nicht nur der veränderungswillige Arbeitnehmer muss sich „be-werben“, also sich aussagekräftig und authentisch darstellen und sich um seinen „Wunscharbeitgeber“ bemühen – auch die Unternehmen sind gefragt, sich zu positionieren. Ich nenne hier nur einige Stichworte: Glaubwürdigkeit, Konsistenz, Unterscheidbarkeit, Authentizität und Attraktivität.
Wenn die suchenden Unternehmen dahingehend entsprechend Flagge zeigen, erhöhen sie ihre Chancen erheblich, die richtigen und passenden Kandidaten zu finden.

Die erste Herausforderung heißt als Firma nach außen so in Erscheinung zu treten, dass man als attraktiver, moderner und interessanter Arbeitgeber wahrgenommen wird. Was gar nicht so leicht ist, wenn man nicht BMW, adidas oder Microsoft heißt und schon über seine Produkte punkten kann. Die nächste Hürde ist meines Erachtens noch schwieriger zu nehmen: Dem Unternehmen muss es gelingen, diesen ersten positiven Eindruck, den der Kandidat / die Kandidatin nun gewonnen hat, durch den weiteren Kennenlern- und Bewerbungsprozess zu transportieren und zu vertiefen.

Es gibt nach wie vor qualifizierte und veränderungswillige Kandidaten, auch wenn die Suche danach etwas mühevoller geworden ist. Hier stellt sich die berühmte „Königskinder“-Frage: Wie finden suchende Unternehmen und potenzielle Mitarbeiter zusammen? Wie macht man als Firma  gezielt auf sich aufmerksam, neben den klassischen Wegen der gedruckten Stellen- oder Imageanzeige und der Postings in Bewerberportalen und auf der eigenen Homepage?

Eine gute Gelegenheit hierzu bieten beispielweise Job- und Bewerbermessen oder ähnliche Events. Natürlich muss man als Unternehmen eine konkrete Selektion vornehmen im Sinne von: Welche Veranstaltung spricht welche Zielgruppe an? Wo hat meine Firma den größtmöglichen Nutzen? Aber gesamthaft gesehen sind das durchaus effiziente Plattformen, bei der sich Unternehmen und mögliche Mitarbeiter persönlich begegnen und sich kennenlernen können. Für die Fachbereiche bedeutet ein solcher Event zunächst Mehrbelastung und zusätzlicher Aufwand, der neben dem normalen Tagesgeschäft eingeplant werden muss. Doch schon wenn dort zwei, drei konkrete Bewerber gewonnen werden können, entsteht mittelfristig Entlastung fürs Team, Erfolg fürs Unternehmen – Ziel erreicht!

Wenn ich auf solchen Veranstaltungen als Karrierecoach tätig bin, höre ich immer wieder von Bewerbern: „Ja, ich war schon am Stand der Firma YX. Aber dort hat man mir nur gesagt, ich möchte mich doch bitte online bewerben.“ Wieder eine verlorene Gelegenheit, einen möglicherweise interessanten potenziellen neuen Mitarbeiter näher kennenzulernen. Natürlich ist mir klar, dass die Online-Bewerbungstools hilfreich und wichtig sind, Prozesse vereinfachen, meist auch beschleunigen und somit ihre absolute Berechtigung haben. Aber: Es sind eben nur „Tools“, Werkzeuge, die niemals den persönlichen Eindruck ersetzen können. Es gibt auch spannende Kandidaten mit einem vielleicht nicht ganz klassisch geradlinig verlaufenden oder etwas unorthodoxen Lebenslauf, die aber von Persönlichkeit und Mind-set her sehr gut ins Unternehmen passen könnten. Diese Leute würden bestimmt durchs Onlineraster der Analyse-Algorithmen fallen, die kann man nur im direkten Dialog kennen- und einschätzen lernen.  Gerade in Zeiten mit weniger proaktiven Bewerbern sollten bei der Personalsuche Flexibilität und Kreativität eine wesentliche Rolle spielen – meist  lohnt sich der Blick durch diese Brille.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkungsweise sozialer Medien und sogenannter Arbeitgeber-Bewertungsportale. Das Bild, das auf Foren wie Kununu, Glassdoor etc. durch die unterschiedlichen Postings entsteht, beeinflusst natürlich auch die jeweilige Arbeitgebermarke.

Ich werde nicht müde darüber zu sprechen: In der jetzigen Zeit sind „weiche“ Kriterien für Bewerber fast ebenso wichtig geworden wie die klaren Fakten einer Position, also Stellenbeschreibung, Rahmenbedingungen und so weiter. Themen wie Unternehmenskultur, der Umgang miteinander, Fairness, Respekt und Wertschätzung haben gerade bei der nachrückenden Generation immens an Bedeutung gewonnen, was die Wahl des Arbeitgebers angeht.

Für den Stellensuchenden stellt es sich doch so dar: Er trifft eine immens wichtige Entscheidung in seinem Leben. Entweder bestimmt er in gewisser Weise seinen Karrierepfad mit der Wahl des ersten Arbeitgebers, oder er verändert sich aus einer sicheren Position heraus und gibt damit die  Komfortzone seines bisherigen beruflichen Umfelds auf.  Das erfordert intensive Überlegungen; Bewerber nehmen diese Wahl normalerweise genauso wenig auf die leichte Schulter wie Unternehmen.

Wir sollten uns immer vor Augen halten: Das Bewerbungsgespräch im Speziellen wie auch der gesamte Bewerbungsprozess stellen so etwas wie die Visitenkarte des Unternehmens dar. Der Eindruck, der hier entsteht, wird prägend sein im Verständnis und in der Einschätzung der Bewerber bezüglich ihres möglichen neuen Arbeitgebers. Und hier ist die berühmte „Chemie“ immer noch eines der wichtigsten Entscheidungskriterien überhaupt! Sicherlich sind Aspekte wie Entwicklungs-perspektiven, finanzielle Rahmenbedingungen und ähnliches maßgebliche Kriterien bei der Jobwahl. Aber: der Wohlfühlfaktor im persönlichen Gespräch, der Umgangston der neuen Kollegen untereinander, Freundlichkeit,  Vertrauen – das alles bildet häufig das Zünglein an der Waage zur Wechselentscheidung: „Ja – mit diesen Menschen kann mich mir eine Zusammenarbeit sehr gut vorstellen, hier kann ich mich als Person mit meinem Know-how  einbringen, Nutzen stiften und etwas erreichen.“

Wenn das suchende Unternehmen diesen „Spirit“ transportieren kann, wird es die für sich speziell „richtigen“ und passenden Bewerber anziehen, begeistern und gewinnen können.

Fragen aus Coaching und Karriereberatung

Bei meinen Aktivitäten als beruflicher Coach sowie bei diversen Veranstaltungen, bei denen ich in der Laufbahnberatung aktiv bin, haben sich mit der Zeit bestimmte Themen herauskristallisiert, die immer wieder Fragen aufwerfen.

Ich stelle hier einige spannende Fragestellungen zusammen, die auch für die Besucher meiner Homepage von Interesse und von Nutzen sein könnten.

 

FRAGE:

Ich möchte mir bei einer der Online-Plattform für das Business-Networking einen Account anlegen. Primär denke ich dabei an Xing oder LinkedIn.

Hier stellt sich schon die erste Frage: Wo liegen die Unterschiede der Portale und soll ich mich bei beiden Portalen anmelden?

Ich frage mich nun natürlich auch, welche Angaben dort überhaupt relevant sind und ob ich alle Stationen meiner „Karriere“ ab der Grundschule dort hinterlegen soll. Zudem ist mir nicht ganz klar, wie das Netzwerken auf solchen Portalen tatsächlich funktioniert und welche Chancen sich mir hierbei zusätzlich eröffnen.

Ist das wirklich nachhaltig oder eher ein Firmen-Facebook? Bislang habe ich die knapp zwanzig Jahre in der Branche auch gut ohne Xing und Co überlebt, aber man will sich ja nicht abhängen lassen.

 

Lieber Fragesteller,

die von Ihnen angesprochenen Plattformen XING und LinkedIn sind Marktführer im Bereich der Online-Business-Netzwerke. Die Betonung liegt dabei klar auf dem Wort Business – für private Kontakte ist Facebook definitiv der bessere Ort. Entsprechend ist auch deren Nutzung, die mittlerweile einen absolut professionellen und nachhaltigen Stellenwert im Geschäftsleben einnimmt.

Der Unterschied zwischen XING und LinkedIn liegt zunächst einmal vor allem in Größe und Verbreitung: LinkedIn ist mit über 500 Millionen Usern (ca. 11 Mio. in DACH) das weltweit größte Business-Netzwerk und sehr international geprägt. XING hat derzeit 15 Millionen Mitglieder und ist speziell im D/A/CH-Bereich (Deutschland, Österreich, Schweiz) stark vertreten. Also ist schon mal klar: wer internationale Kontakt-Möglichkeiten sucht, hat mit LinkedIn die besseren Chancen. Auf den deutschen Markt bezogen hat nach wie vor XING die Nase vorn.

Es wäre noch interessant zu wissen, welche Intention Sie mit dem Einstieg in eine solche Online-Plattform verknüpfen: Geht es Ihnen darum, neue Kontakte zu knüpfen, sich Netzwerke zu erschließen und sich innerhalb der Branche über Fachthemen auszutauschen? Oder möchten Sie auch mal jobtechnisch über den Tellerrand schauen und herausfinden, welche Chancen Sie aktuell am Markt haben?

Wenn Sie das Netzwerk als Austausch- und Gruppen-Plattform nutzen möchten, werden Sie sich rasch selbst zurechtfinden: Durch die Angaben, die Sie in Ihrem Profil hinterlegen (darauf komme ich gleich nochmal zurück), werden Ihnen automatisch passende Foren angeboten.

Im Lauf der Zeit wird sich Ihr Netzwerk sukzessive erweitern. Haben Sie zum Beispiel auf einer Fachmesse oder einem Seminar einen interessanten Menschen kennengelernt, den Sie zudem noch sympathisch finden? Dann bietet es sich doch an, sich über XING und Co. zu vernetzen und so auf unkomplizierte Weise in Kontakt zu bleiben. Ebenso werden Sie von anderen Mitgliedern Kontaktanfragen erhalten – die Sie jedoch nicht zwangsläufig akzeptieren müssen, das entscheiden alleine Sie.

 

Reden wir jetzt genauer über das Thema „Nutzung als Karriereplattform“. Das ist natürlich ein relativ bequemer Weg, jobtechnisch mal  die Nase in den Wind zu halten – also sich suchen zu lassen / gefunden zu werden, ohne gleich den gesamten Ablauf einer „offiziellen“ Bewerbung in Gang zu setzen. Ich nehme hier einmal den Profileintrag in XING als Beispiel:

Ein Erfolg steht und fällt mit den Angaben, die Sie in Ihrem Profil hinterlegen: Es muss ein klares, transparentes und aussagekräftiges Bild von Ihnen daraus hervorgehen.

Ihre Berufserfahrung sollte eine Kurzform Ihres Lebenslaufs darstellen: rein auf die berufliche Tätigkeit konzentriert, angefangen bei Ausbildung bzw. Studium. Gerne mit aussagekräftigen Details:

Näheres zu Projekten, an denen Sie mitgewirkt oder die Sie gemanagt haben, spezielle Erfolge und so weiter.

Je klarer Sie hier sind, desto größer ist die Chance, dass man Sie findet. Vergegenwärtigen Sie sich, das Personaler aus Unternehmen ebenso wie Personalberater / Headhunter auf der Plattform gezielt nach bestimmten Schlagwörtern suchen. Arbeiten Sie deshalb mit Schlüsselbegriffen.

Nennen Sie Ihre jeweiligen Arbeitgeber, samt Größe und Angabe der Homepage.

Geben Sie Ihren Wohn- bzw. Arbeitsort an und am besten auch den Radius, in dem Sie örtlich mobil sind. So vermeiden Sie, Angebote aus Regionen zu erhalten, die für Sie nicht in Frage kommen.

Geben Sie Ihre Sprachkenntnisse an.

Ein Foto hilft für den ersten persönlichen Eindruck sehr – und zwar eine gut gemachte, professionelle Aufnahme!

Nutzen Sie auch den Bereich: „Ich suche… / Ich biete“.  Ich suche: Drücken Sie kurz und konkret aus, woran Sie interessiert sind. Ich biete: wecken Sie mit prägnanten Worten die Neugier auf Ihre Person!

Noch ein Wort zum Thema Hobbys / Private Interessen: Überlegen Sie gut, was Sie zu diesem Punkt von sich preisgeben möchten. Geben Sie einen kurzen Einblick, womit Sie sich in Ihrer Freizeit beschäftigen oder was Ihnen am Herzen liegt. Meiner Meinung nach sind beispielsweise politische Gesinnungen oder religiöse Mitgliedschaften zu persönlich, um hier genannt zu werden.

 

Zudem haben Sie die Möglichkeit, Ihren Status zu definieren: von „Aktiv auf Jobsuche“ über „Nicht auf Jobsuche, offen für Angebote“ bis hin zu „Derzeit nicht an Jobangeboten interessiert“ können Sie die Reaktionen auf Ihr Profil ein Stück weit steuern und kanalisieren.

Wenn Sie beispielsweise bei XING den geschützten Bereich „Pro Jobs“ auswählen, können Sie Ihre Berufswünsche sehr detailliert hinterlegen und schließen durch die eingeschränkte Sichtbarkeit gleichzeitig aus, dass diese Punkte für Kollegen oder Vorgesetzte aus Ihrem aktuellen Unternehmen abrufbar sind.

Viele weitere Tipps finden Sie auch direkt auf der Website des jeweiligen Anbieters.

Das Thema „Einstellungen“ ist ebenfalls ein wichtiges: Hier entscheiden Sie, wer Ihr Profil lesen kann, von wem Sie gefunden werden möchten (Privatsphäre), wann / wie oft / welche Informationen Sie erhalten möchten und so weiter. Sie werden merken: Das ist keine einmalige Sache, sondern ein laufender und sich verändernder Prozess. Mit etwas mehr Routine werden Sie hier sinnvolle Feinjustierungen vornehmen können.

Ebenso werden sie mit der Zeit herausfinden, wie Sie Ihr Profil interessant und attraktiv gestalten, um die richtigen Leute auf sich aufmerksam zu machen. Es geht ja nicht darum, möglichst viele Profilbesucher und Kontakte zu haben – das Ganze sollte sich für Sie persönlich als zielführend und nutzbringend erweisen.

Die Portale bieten immer die Möglichkeit einer kostenlosen Basis-Mitgliedschaft. Das wäre vielleicht für Sie zum Start eine gute Option – sollten Sie dann im Verlauf feststellen, dass Ihnen dieses oder jenes Feature, ein Zugriff oder für Sie relevante Infos fehlen, können Sie immer noch über eine kostenpflichtige „Premium“-Version nachdenken (ProJobs ist auch so eine) – was ich Ihnen, um ein optimales Ergebnis zu erreichen, empfehlen würde.

Wie auch immer Ihre Wahl ausfällt und egal wo Sie Ihr Profil einstellen – wichtig ist, dass Sie es pflegen und stets up-to-date halten, damit es Ihnen auch tatsächlich den gewünschten Nutzen bringen kann.

Ebenso essentiell ist die Einhaltung eines gewissen Kommunikationskodex: Man antwortet auf Angebote und Kontaktanfragen und lässt sie nicht versanden. Dabei ist ein kurzes, höflich begründetes Nein absolut akzeptiert und überhaupt kein Problem.

Natürlich werden Sie die nächsten Jahre auch ohne XING und Co. beruflich überleben. Es kommt darauf an, wie man es sieht: die Online-Portale können eine Bereicherung des Berufslebens darstellen, indem sie Wissen und Netzwerke erweitern und die Möglichkeiten am Markt aufzeigen. Und es ist wie so oft im Leben: Man muss diese Instrumente richtig für sich zu nutzen wissen, damit man sich nicht überflutet und genervt fühlt, sondern das gewünschte Ergebnis damit erzielt.

Ich hoffe ich habe Sie mit meiner Antwort eher dazu ermutigt, ins Online-Networking einzusteigen – es ist eine interessante Sache und erweitert den eigenen Horizont.

Ich wünsche gutes Gelingen!