Fragen aus Coaching und Karriereberatung

Bei meinen Aktivitäten als beruflicher Coach sowie bei diversen Veranstaltungen, bei denen ich in der Laufbahnberatung aktiv bin, haben sich mit der Zeit bestimmte Themen herauskristallisiert, die immer wieder Fragen aufwerfen.

Ich stelle hier einige spannende Fragestellungen zusammen, die auch für die Besucher meiner Homepage von Interesse und von Nutzen sein könnten.

 

Frage:

“seit mehreren Jahren trete ich in meinem Job nun schon auf der Stelle. Ich arbeite als Elektroingenieur im Bereich Fahrwerkentwicklung in einem Unternehmen mit ca. 4.000 Mitarbeitern. Mein Job hat mir bisher wirklich Spaß gemacht, und ich konnte mir umfassendes Fachwissen im Umfeld der Leistungselektronik aneignen. Parallel zur Projektarbeit leite ich auch ein „Center of Competence“ für Automatisierte Fahrfunktionen. Doch seit mehr als zwei Jahren verändern sich meine Aufgaben so gut wie gar nicht mehr. Ehrlich gesagt fühle ich mich mittlerweile dadurch auch unterfordert und leicht frustriert bis unmotiviert. Manchmal denke ich mir morgens: „Gehst Du wirklich noch gerne in die Arbeit?“ Diese Anzeichen geben mir zu denken und ich frage mich, ob ich nicht einen radikalen Schnitt machen und mir einen anderen Arbeitgeber samt neuer, herausfordernder Aufgabe suchen soll, verbunden mit einem Karriereschritt. Wie sind Ihre Erfahrungen zu diesem Thema?”

 

Sehr geehrter Fragesteller,

 

das sind tatsächlich konkrete und massive Anzeichen einer Karrieresackgasse. Speziell Ihre Überlegungen, ob Ihnen Ihr Job noch Spaß macht, interpretiere ich als warnendes Ausrufezeichen: Es muss ich etwas ändern!

Aber lassen Sie uns die Situation ruhig und überlegt angehen. Ein „radikaler Schnitt“, wie Sie es nennen, darf nie aus einem Frustgefühl heraus geschehen, sondern soll gut geplant erfolgen.

Erster Schritt: Versuchen Sie konkret zu analysieren: Woran kann es liegen, dass ich nun schon so lange in meiner aktuellen Position „hängenbleibe“? Werde ich übergangen? Sind Kollegen auf gleichem Level, die vielleicht noch nicht so lange im Unternehmen sind, an mir vorbeigezogen?

Werden meine Ideen abgelehnt? Habe ich überhaupt die Chance, meine Vorschläge einzubringen und vorzustellen?

Schritt zwei: Halten Sie sich doch einmal genauer Ihre bisherige Leistung vor Augen, visualisieren Sie Ihre zehn wichtigsten beruflichen Erfolge in den vergangenen Jahren. Sie werden überrascht und vor allem stolz sein, wie weit Sie gekommen sind und was Sie bereits erreichen konnten! Mit diesem Selbstbewusstsein lässt sich der Weg einer beruflichen Veränderung – egal ob intern oder extern – wesentlich leichter beschreiten als mit einer frustrierten, unmotivierten Einstellung.

 

Mir drängt sich hier ein ganz bestimmter Gedanke auf: Besteht die Möglichkeit, dass Ihr Chef der Verursacher Ihres Karrierestillstandes sein kann? Ich komme darauf, weil Ihre Jobbeschreibung sich für mich so anhört, als wären Sie in seinem Team und seiner Abteilung ein wichtiger Knowhow-Träger und eine Schlüsselfigur. Hier könnte der Hase im Pfeffer liegen: Sie sind zu gut! Dieses Schicksal ereilt so manchen Leistungsträger; Ihr Vorgesetzter braucht Sie und Ihr vielschichtiges Wissen an genau dieser Stelle; darum will er Sie nicht ziehen lassen. Es heißt nicht umsonst „Never change a winning team“ – aber leider kann sich eine solche Konstellation auch zum goldenen Käfig entwickeln. Vermutlich war bereits Ihr „Job Enrichment“ zum CoC-Leiter eine Maßnahme in diese Richtung: „Wir geben ihm etwas mehr Fachverantwortung und eine größere Spielwiese, damit er  nicht auf die Idee kommt, woanders hin wechseln zu wollen.“

 

Haben Sie sich in ihrem Unternehmen auch schon in anderen Abteilungen beworben? Und wurden Ihre Bewerbungen stets abschlägig beschieden? Auch das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Ihr Chef blockt.

Hier gibt es nur eine Lösung: Gehen Sie aktiv auf Ihren Vorgesetzten zu und suchen Sie das Gespräch mit ihm. Verdeutlichen Sie ihm Ihre Situation und wie Sie sich dabei fühlen. Legen Sie ihm Ihre Ziele dar und diskutieren Sie mit ihm, ob es vielleicht einen gemeinsamen Weg dorthin geben kann. Wenn er auf diese Weise merkt, wie ernst es Ihnen ist, muss er seine Verteidigungsposition aufgeben und zusammen mit Ihnen überlegen, welche Möglichkeiten es für Sie gibt.

 

Unter Umständen hatte Ihr Chef bisher auch die Befürchtung, dass Sie ihm mit einer Beförderung selbst gefährlich werden könnten, an ihm vorbei ziehen würden und letztlich eine Position einnehmen, die er für sich selber als nächsten Schritt eingeplant hat. Diese Angst lässt sich im Dialog neutralisieren. Machen Sie ihm klar, dass es Ihnen überhaupt nicht darum geht ihn zu überholen, sondern wieder mehr Spannung und Attraktivität in Ihre Tätigkeit zu bringen. Wenn er klug ist, wird er verstehen, dass es geschickter ist, Sie und Ihr Knowhow im Unternehmen zu behalten und wird Sie in Ihren Bemühungen fördern und unterstützen.

 

Lassen Sie uns auch noch die Unterschiede eines internen oder externen Wechsels beleuchten:

Je nachdem wohin für Sie intern die Reise gehen könnte, sollten Sie folgende Überlegung nicht außer Acht lassen: Eine Beförderung kann aus bisherigen Weggefährten auch Konkurrenten machen! Damit muss man umzugehen wissen. Generell müssen Sie für sich definieren, welcher Art Ihre Weiterentwicklung sein soll. Wo sind Sie gut, was sind Ihre Stärken? Liegt Ihnen das Thema Personalführung? Inwieweit haben Sie Spaß an betriebswirtschaftlichen Aspekten, sprich Budgetierung, Forecasting, Controlling? Hier sollte es im Nachhinein kein böses Erwachen geben.

 

Ein externer Wechsel bedeutet: Verlassen der vertrauten Komfortzone, kompletter Neuaufbau eines Netzwerkes, Erlernen wie das neue Unternehmen tickt, Vertraut machen mit der dortigen Kultur.

Die Konsequenzen eines solchen Stellenwechsels sind nicht zu unterschätzen und sollten ausreichend reflektiert werden. Aber: wenn Sie das Gefühl haben, sich zu sehr verbiegen zu müssen um im eigenen Unternehmen voranzukommen, sollten Sie lieber den Blick über den Tellerrand wagen und sich nach außen orientieren. Dort gibt es mit Sicherheit spannende Perspektiven für Sie.

 

Und noch etwas zum Schluss: Wenn Sie extern eine neue Herausforderung suchen und zu einem ersten Kennenlern-Gespräch eingeladen werden, bitte führen Sie NIE Frustration im aktuellen Job als Grund für Ihren Veränderungswillen an! Sie können sich sicher unschwer vorstellen, welche Schlüsse ein künftiger Arbeitgeber aus einer solchen Begründung zieht. Die Antwort auf diese Frage sollte „persönliche Weiterentwicklung“ lauten, was ja auch absolut der Wahrheit entspricht.