Fragen aus Coaching und Karriereberatung

Bei meinen Aktivitäten als beruflicher Coach sowie bei diversen Veranstaltungen, bei denen ich in der Laufbahnberatung aktiv bin, haben sich mit der Zeit bestimmte Themen herauskristallisiert, die immer wieder Fragen aufwerfen.

Ich stelle hier einige spannende Fragestellungen zusammen, die auch für die Besucher meiner Homepage von Interesse und von Nutzen sein könnten.

 

Frage:

“Seit fünf Jahren bin ich als Softwareentwickler bei einem mittelständischen Unternehmen beschäftigt, das IT-Lösungen im Bereich Automatisiertes / Autonomes Fahren und Fahrerassistenzsysteme anbietet. Schon während meines Informatikstudiums habe ich hier ein Praktikum absolviert, war als Werkstudent tätig und habe schließlich auch hier meine Diplomarbeit geschrieben. Dadurch ergab es sich fast selbstverständlich, dass ich unmittelbar nach meinem Studium im gleichen Unternehmen ins Berufsleben eingestiegen bin. Meine Arbeit ist vielseitig, nie langweilig und macht mir nach wie vor Spaß. Trotzdem regt sich seit längerem bei mir ein Bauchgefühl, als hätte ich etwas versäumt: Andere Kommilitonen haben nach ihrem Studium zunächst einmal ein „Work&Travel“-Jahr eingelegt und viel von der Welt gesehen. Ich bin übergangslos in den Job gestartet. Ich wünsche mir ein Sabbatical, eine berufliche Auszeit von 6 -12 Monaten, in der ich meinen Traum von einer Motorradreise durch Südamerika verwirklichen kann. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ denke ich mir oft und habe die Befürchtung, dass ich meinen Plan nicht zu lange hinausschieben sollte, weil ich ihn dann vielleicht nicht mehr realisiere.

Mein Arbeitgeber ist wohl eher nicht in der Lage, mir meinen Arbeitsplatz über einen solchen Zeitraum hinweg zu garantieren. Ich müsste vermutlich kündigen und danach einen Neustart wagen, vielleicht wieder bei der alten Firma, oder wo auch immer.

Wie sehen Sie diese Situation: Ist das Risiko groß, nach dem Sabbatical in Erklärungsnot zu kommen, warum man das getan hat, und dadurch auf Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg zu stoßen?”

 

Hallo lieber Fragesteller,

 

eine spannende Idee, die Sie da im Kopf haben! Und ganz klar ist so ein Plan immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Aber wer nicht wagt… ! Ich kann mir vorstellen, in Ihrem Fall ist das Risiko noch ganz gut überschaubar.

Damit will ich nicht zum allgemeinen Sabbatjahr aufrufen, ganz im Gegenteil. Eine solche Entscheidung muss dem jeweiligen Menschen, seiner Lebenssituation und seiner Persönlichkeit entsprechen und angemessen sein. Bei Ihnen hört man die Sehnsucht heraus, ihren gefassten Plan nicht nur zu träumen, sondern in die Tat umzusetzen.

Ich gehe davon aus, dass Sie noch „frank und frei“ sind – also ungebunden und ohne familiäre Verpflichtungen, denn dann gäbe es noch wesentlich mehr zu bedenken.

Wichtig ist, dass Sie sich Gedanken über Ihre finanzielle Versorgung während und nach der Reise machen. Können Sie auch noch eine gewisse Zeit der Jobsuche überbrücken, ohne dass Sie gleich in Zugzwang kommen? Denken Sie auch daran, Ihre Kranken- und Sozialversicherungsfragen zu regeln.

Dass Sie sich körperlich auf einen solch fordernden und anstrengenden Trip vorbereiten, versteht sich von selbst.

 

Ihrer Schilderung entnehme ich, dass Sie Ihre Idee bisher noch nicht bei Ihrem Arbeitgeber vorgebracht haben. Sie nehmen schlicht an, Ihre Intention lässt sich nicht mit den Unternehmenszielen und Gegebenheiten vereinbaren. Natürlich ist ein Mittelständler hier in einer anderen / schwierigeren Ausganssituation als ein großer Konzern, der leichter Ausgleich und Überbrückung schaffen kann.  Dennoch: Überlegen Sie sich, ob Sie Ihr Projekt nicht doch an geeigneter Stelle zur Sprache bringen. Denn das Vorhaben wird natürlich einfacher, wenn man in den „sicheren Hafen“ zurückkehren kann. Zur Finanzierung gibt es hier unterschiedliche Modelle:

Der teilweise Gehaltsverzicht im Vorfeld, das Ansammeln von Überstunden auf einem Langzeitkonto, oder aber unbezahlter Urlaub. Vielleicht ist es ja überraschend einfach, in Ihrer Firma ein wenig Überzeugungsarbeit zu leisten und Akzeptanz für Ihr Projekt zu finden? Eine Idee dazu kann auch Eigenwerbung zum Imagenutzen des Unternehmens sein: Sie halten während Ihrer Tour den Kontakt zur Firma und zu den Kollegen, schreiben vielleicht einen Reiseblog oder ähnliches – hier tun sich viele verschiedene Möglichkeiten auf, die ein IT-affines Unternehmen vielleicht sogar gut für Branding-Zwecke nutzen könnte?! Wichtig ist, dass Sie mit einem konkreten Plan und klaren Vorstellungen auf Ihren Arbeitgeber zugehen. Mit nebulösen Aussagen werden Sie nicht ernst genommen und rasch scheitern.

 

Die zweite Variante – nämlich der Start bei einem neuen Arbeitgeber nach Ihrer Auszeit – hat allerdings auch ihren Charme und bietet gleichzeitig die Chance, völlig neue Erfahrungen im Berufsleben zu sammeln.

Sie kommen vermutlich von Ihrer Reise auch ein Stück weit als anderer Mensch zurück – da könnte es sein, dass Sie sich dadurch in Ihrer alten Firma gar nicht mehr so richtig wohl und heimisch fühlen?

Entscheiden Sie, welche dieser beiden Szenarien für sie das wahrscheinlichere sein kann.

 

Nun zur Frage, wie Sie am besten die „Lücke“ in Ihrem Lebenslauf darstellen und erklären. Meine Meinung dazu: Sie sollten das Sabbatical auf alle Fälle thematisieren und nicht irgendwie verschleiern oder unter den Tisch kehren. Die Zeiten, in denen so etwas ein KO-Kriterium war, sind definitiv vorbei.

Die Unternehmen erkennen heute durchaus an, dass man mit einem solchen Projekt viele Skills ausprägt und dazu gewinnt, wie: Eigenständigkeit, Eigenverantwortung, Flexibilität, Kreativität. Dann natürlich Kommunikation, in mehreren Sprachen und auf internationaler Ebene. Rasches Sich-Einstellen auf fremde / andere Kulturen und Mentalitäten.

Wenn man sein Sabbat-Projekt entsprechend plastisch darstellt, sprich: Was hat man gemacht, wann – wie lange – mit welchen Zwischenzielen, und welchen persönlichen Gewinn hat man daraus gezogen, kann das durchaus eine Bereicherung des CVs darstellen. Denn: Ein solcher Schritt zeugt ja auch von Mut, Entschlussfreudigkeit und Willenskraft. Nicht jeder würde sich auf diese Weise aus seiner Komfortzone herausbewegen!

 

Meine Empfehlung in Ihrem individuellen Fall: Ich kann verstehen und nachvollziehen, dass Sie diesen Ihren Wunsch in die Tat umsetzen wollen. Und vermutlich würden Sie es auch in einigen Jahren bereuen, wenn sie es nicht tun. Ich denke nicht, dass Sie große Anschlussprobleme nach Ihrer Auszeit haben werden, wenn Sie etwas Puffer mit einplanen. Ihr Wissen und Können wird nach wie vor gefragt sein, und wenn Sie sich etwas up to date halten, sollte sich das auch nicht ändern. Kleine Einschränkung meinerseits: 6 – 8 Monate sind etwas überschaubarer und besser planbar als ein ganzes Jahr!

Fragen aus Coaching und Karriereberatung

Bei meinen Aktivitäten als beruflicher Coach sowie bei diversen Veranstaltungen, bei denen ich in der Laufbahnberatung aktiv bin, haben sich mit der Zeit bestimmte Themen herauskristallisiert, die immer wieder Fragen aufwerfen.

Ich stelle hier einige spannende Fragestellungen zusammen, die auch für die Besucher meiner Homepage von Interesse und von Nutzen sein könnten.

 

Frage:

“ich verfolge Ihre Beratung schon einige Zeit. Nun möchte ich mit einem eigenen Anliegen auf Sie zukommen: Bisher hat mir meine Arbeit gut gefallen; sie hat mich ausgefüllt und mir Spaß gemacht. Die Stimmung war gut, Teamwork hat bestens funktioniert. Das ist nun seit mehr als einem halben Jahr Schnee von gestern: Neuer Abteilungsleiter, Control-Freak, der Micro-Management betreibt, alles hinterfragt und jedem irgendwie misstrauisch begegnet. Keine offenen Türen mehr, man unterhält sich nur noch flüsternd oder hinter vorgehaltener Hand. Zwei meiner Kollegen sind schon gegangen, ein dritter schaut sich gerade nach etwas Neuem um.

Ich bin mittlerweile so sauer, dass ich lieber heute als morgen alles hinschmeißen und einfach kündigen möchte, dann tief durchatmen und mir in Ruhe etwas Neues suchen.

Was halten Sie von meinem Vorhaben? Ach ja – ich bin 33 Jahre alt, ungebunden und als Fertigungsplaner bei meinem ersten Arbeitgeber nach dem Maschinenbau-Studium tätig.”

 

Sehr geehrter Fragesteller,

 

das hört sich aber nach stark überschrittenem Frustrationspegel an! Natürlich ist das eine äußerst

prekäre Situation für Sie; aber bitte behalten Sie dennoch einen kühlen Kopf. Lassen Sie uns einmal gemeinsam überlegen und analysieren:

Sie sind jung und bisher noch ohne familiäre Verpflichtungen. Eventuell sind Sie ja auch mobil und können den Wohnort wechseln. Sie haben fundierte Berufserfahrung gesammelt und Ihren Job vermutlich nicht schlecht gemacht. Da wäre doch ein Wechsel nach geschätzten 5-6 Jahren Berufserfahrung ohnehin eine attraktive Option!

Allerdings gilt als oberste Priorität: Bitte nicht „alles hinschmeißen“, wie Sie so deutlich formulieren. Handeln Sie überlegt und umsichtig, und legen Sie hier keine übereilte Flucht hin, die Ihnen für die Zukunft nur Nachteile einbringen wird. Ganz ehrlich: „Hauptsache weg“ kann keine kluge Devise für einen sinnhaften Jobwechsel sein – sehen Sie das nicht auch so?

 

Hinterfragen wir zunächst nochmal Ihre aktuelle Situation:

  • Gibt es für Sie die Option, über eine interne Veränderungsmöglichkeit nachzudenken? Besteht diese Möglichkeit in Ihrem Unternehmen überhaupt? Ich bringe diesen Punkt deshalb ins Spiel, weil – und ich weiß, ich wiederhole mich – eine berufliche Wechselentscheidung gut und reiflich überlegt sein will.
  • Denken Sie bitte auch darüber nach, was Sie aufgeben, wenn Sie kündigen. Das mag Ihnen im ersten Moment nicht so erscheinen, weil Sie sich an Ihrem Arbeitsplatz nicht mehr wohlfühlen. Aber halten Sie sich bitte auch die „hard facts“ und Ihre Rahmenbedingungen vor Augen, damit Sie später nicht enttäuscht sind, wenn Sie gewisse Konditionen nicht 1:1 woanders wiederfinden.

 

Ein Jobwechsel bedeutet vor allem eins: Viel Aufwand, viel Mühe und ein hoher Zeitinvest.

Da könnte man denken: Ein Argument mehr, erst einmal zu kündigen und sich dann in Ruhe diesem Projekt widmen. Aber leider muss ich auch hier wieder warnen: Es wird Sie sehr viel Erklärungsaufwand kosten, Ihren Partnern in den Vorstellungsgesprächen darzulegen, weshalb Sie so übereilt „die Brocken hingeworfen“ haben. Dabei ist viel Sensibilität und Diplomatie gefragt, sonst gibt es nur die eine

 

Schlussfolgerung beim potenziellen neuen Arbeitgeber: „Wenn der das einmal gemacht hat, wird er sich bei uns bei der ersten Schwierigkeit vielleicht ähnlich verhalten, womit Mühe und Aufwand bei der Einarbeitung umsonst wären.“

Auch der derzeitige Fachkräftemangel verleitet leicht zu falschen Schlüssen: Die Unternehmen überlegen nach wie vor sehr genau, wen sie sich an Bord holen, und ob der Bewerber nicht nur durch sein Knowhow überzeugen kann, sondern auch von seiner Persönlichkeit her ins Team und zur Unternehmenskultur passt.

 

Und bitte nicht ganz außer Acht lassen: Das Risiko, dass eine solche Spontankündigung einen unglücklichen Verlauf nimmt, ist latent da. Man sollte deshalb auch den „worst case“ beleuchten und sich darüber klar werden:

  • Kann ich eine Arbeitslosigkeit kurzfristig überbrücken? Denn wenn sie selbst kündigen, sind Sie ja zunächst für einen gewissen Zeitraum beim Arbeitslosengeld gesperrt.
  • Was tue ich, wenn ich in der vorgesehenen Zeitspanne keine neue Beschäftigung finde?

 

Werden Sie sich über die folgenden Punkte klar:

  • Eine berufliche Veränderung kostet viel Vorbereitung, Zeitaufwand und Disziplin und will daher wohl überlegt und geplant sein
  • Der Bewerbungsprozess und die damit verbundenen Vorstellungsgespräche sind kein Pappenstiel, man wird auf den Punkt gefordert, muss gut vorbereitet sein und sich authentisch präsentieren können
  • Ein „Masterplan“ zur Jobsuche sollte folgende Antworten enthalten:
    • Welche Position / welche Aufgabenstellung strebe ich an?
    • In welchen Branchen macht es für mich Sinn, mich umzusehen?
    • Welche Arbeitgeber kommen in Frage?
    • Welche Region will ich als mein Zielgebiet abstecken?
    • Welche Konditionen sind mein Verhandlungsspielraum?

 

Übrigens: Haben Sie sich anlässlich des Wechsels Ihres Vorgesetzten eigentlich ein Zwischenzeugnis ausstellen lassen? Das wäre natürlich äußerst nützlich, zumal der aktuelle Chef Ihre Arbeitsleistung ja noch gar nicht entsprechend einschätzen kann.

Kleiner Tipp hierzu: Ansonsten ist die Beantragung eines Zwischenzeugnisses immer ein „Wink mit dem Zaunpfahl“ fürs Unternehmen, dass der betreffende Mitarbeiter dabei ist, sich neu zu orientieren. Eventuell hilft Ihnen das ja doch noch weiter bei Ihrer jetzigen Firma, sozusagen als „Wake-up-Call“, und man setzt sich zusammen mit HR an einen Tisch und diskutiert über vorhandene Möglichkeiten.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will Ihnen einen Jobwechsel nicht ausreden – als Personalberaterin lebe ich schließlich davon! Ich möchte Ihnen lediglich die Stolpersteine aufzeigen und Sie vor allzu viel Emotionalität schützen.

 

Wenn Sie sich jedoch nicht ganz sicher sind, welcher Weg für Sie der Beste ist, rate ich Ihnen sehr zu einem Gespräch mit einem kompetenten Coach. Dort hilft man Ihnen bei der Standortbestimmung und entwickelt gemeinsam mit Ihnen einen roten Faden und die individuelle Vorgehensweise.  Gerne kann ich Ihnen hier einige Adressen nennen.

Alles Gute und viel Glück,

Ihre Hilde Freund