Kommentar Hilde Freund

Arbeitsformen wie Homeoffice oder mobiles Arbeiten mit täglich freier Arbeitsplatzwahl – im Zuge der Digitalisierung sind diese New-Work-Konzepte auf dem Vormarsch. In manchen Konzernen gibt es schon keine fixen Schreibtische mehr – da stehen beispielsweise für 400 Mitarbeiter 300 mobile Arbeitsplätze zur Verfügung. Jeder kann sich seinen Platz frei wählen, und da nie alle Kollegen gleichzeitig im Büro sind – siehe unser Thema Homeoffice, sowie Dienstreisen etc. – reichen die Plätze auch gut aus. Dennoch ist das eine gravierende Veränderung, es wird in Gewohnheiten eingegriffen und hohe Flexibilität gefordert.

Homeoffice – zunächst klingt das doch mal prima: Vielleicht etwas später am Morgen aufstehen, das lästige Pendeln und Im-Stau-Stehen zum und vom Arbeitsplatz fällt weg. Ich kann meinen Arbeitstag in Ruhe und selbstbestimmt gestalten und mir meine Zeit entsprechend einteilen. Sogar Telefon- oder Skype-Konferenzen können auch von zuhause aus geführt werden. Und natürlich ist auch mal eben das Befüllen der Waschmaschine nebenbei drin – im Büro gibt es ja schließlich auch die eine oder andere Pause.

Der Mensch ist ja nicht nur zum Arbeiten auf der Welt; in manchen Lebensphasen, zum Beispiel als junge Familie, kann ein Telearbeitstag eine immens große Erleichterung für alle Beteiligten darstellen! Das sorgt für Entspannung in der Familie und motiviert wiederum den Arbeitnehmer, sich voll und ganz für sein flexibles und modern eingestelltes Unternehmen zu engagieren.

Dennoch stehen viele Unternehmen diesen neuen Konzepten noch sehr skeptisch gegenüber. Manche haben tatsächlich – vielleicht durch nicht ausreichend vorhandene Infrastruktur oder Planung – bisher auch keine guten Erfahrungen damit gemacht. Aber machen wir uns nichts vor: Das Thema wird uns weiterhin beschäftigen. Es wird immer wichtiger, hier leb- und umsetzbare Möglichkeiten zu schaffen, um künftige „Wunsch-Mitarbeiter“ zu erreichen, zu interessieren und für eine Rolle im Unternehmen motivieren zu können.

Als Personalberaterin erlebe ich dieses Thema auch häufig als „Zünglein an der Waage“, wenn es um einen Jobwechsel an einen weiter entfernten Standort geht: Oft sind die Kandidaten bereit zu pendeln und suchen sich vor Ort eine Übernachtungsmöglichkeit. Allerdings wollen die wenigsten das von Montag bis Freitag so handhaben; ein Tag im Homeoffice erleichtert diese Situation erheblich und trägt definitiv zur Work-Life-Balance bei.

Ein Homeoffice-Tag kann ein weitgehend ungestörtes, konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Man kann sich völlig auf sein zu erarbeitendes Konzept, das Strategiepapier oder die Präsentation konzentrieren, ohne die üblichen und im Team häufig unvermeidlichen Unterbrechungen. Man kann sich im Telefonat mit dem Kunden ganz auf seinen Gesprächspartner fokussieren und die Vor- und Nacharbeit unmittelbar leisten. Hier gäbe es noch viele weitere Beispiele zu nennen.

Das wird aber nur funktionieren, wenn im Vorfeld Hürden und Stolpersteine erkannt und aus dem Weg geräumt werden. Beruf und Privates können sich schnell vermischen, und es gehört viel Disziplin und Selbstorganisation dazu, einen geregelten Arbeitsablauf einzuhalten und den Tag geordnet und effizient zu gestalten. Das beginnt schon mit einer möglichst klaren räumlichen Trennung von Arbeitsplatz und privatem Wohnbereich, um Konzentration und Fokussierung auf die Aufgabe sicherzustellen und die Gefahr der Ablenkung zu minimieren. Klar ist auch: die Kontrollmöglichkeiten seitens des Arbeitgebers sind auf jeden Fall eingeschränkter als vor Ort in der Firma. Homeoffice verlangt beiden Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – Loyalität und gegenseitiges Vertrauen ab. Nur dann kann diese Arbeitsform erfolgreich realisiert werden und eine Win-win-Situation darstellen.

Ob und für wen ein teilweiser Heimarbeitsplatz geeignet ist, sollte individuell besprochen und entschieden werden. Nicht zu vernachlässigendes Kriterium dabei: Nicht jeder Mensch ist der „Typ“ für diese Arbeitsform. Manche brauchen und suchen die Gruppendynamik, sie würden sich in den eigenen vier Wänden – nur mit Telefon- und Mailkontakt nach draußen – eher einsam und unwohl fühlen, das Teamgefühl würde darunter leiden, Kommunikation und Know-How-Austausch würden zurückgehen. Das kann nicht zielführend und auch nicht produktiv sein.

Was ich auch öfter höre: „Homeoffice ist keine Option, wenn man eine Führungsposition inne hat.“ Ja, sicherlich kann ich als Team- oder Gruppenleiter nicht nur daheim sitzen und meine Mitarbeiter sozusagen ferngesteuert lenken. Es ist absolut wichtig und richtig, das der Chef / die Chefin vor Ort präsent, nahbar und ansprechbar ist – ob zu offiziellen Terminen oder auch mal kurz zwischendurch im Stehen am Schreibtisch. Dennoch ist auch hier das Thema Homeoffice denk- und planbar, solange es mit dem richtigen Augenmaß und in Absprache geschieht.

Also: Homeoffice als Möglichkeit und Angebot – wunderbar! Es sollte jedoch gemeinsam entschieden werden, wie die Gestaltung und Umsetzung im Einzelfall aussehen kann und sich für alle Beteiligten von Vorteil erweist.

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